Rezension: Oliver Nachtweys „Die Abstiegsgesellschaft“

„Die Versammlung zerriß so noch einmal ihr Mandat, sie bestätigte noch einmal, daß sie sich aus der freigewählten Repräsentation des Volkes in das usurpatorische Parlament einer Klasse verwandelt, sie bekannte noch einmal, daß sie selbst die Muskeln entzweigeschnitten hatte, die den parlamentarischen Kopf mit dem Körper der Nation verbanden”

(Karl Marx, Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte).

Die Geschichte der modernen Demokratie ist voller Widersprüche. Deren heutige Krise sind nur zu begreifen, wo die Illusionen der früher gescheiterten Kämpfe um Befreiung erkannt werden. Den Wirren um die Niederschlagung der 1848er Revolution folgte der Traum freier Gesellschaften, das Auf und Ab des Wahlrechts und schließlich die bonapartistische Diktatur. Die Wiege der modernen Demokratie: Frankreich wusste bereits von der Tragödie der unvollendeten Revolution von 1789 zu berichten. Die inneren Spannungen des konservativ erstarrten Bürgertums ließen die Farce folgen: Dieses bekam 1851 mit Louis Bonaparte, einem Schüler der Frühsozialisten, einen autokratischen Schutzherren der bourgeoisen Interessen, indem dieser das Parlament ausschaltete. Die Revolutionäre erstarren und retten ihre Pfründe. Die ehemaligen Utopisten werden im Gewand des autoritären Herrscher zum Stabilitätsanker der bürgerlichen Gesellschaft. Die großen Pointen der inneren Dynamik bürgerlicher Demokratie sind von Marx damit vor über 150 Jahren aufgeschrieben worden.

Weder literarisch noch politisch wäre der Marxsche Text heute noch schreibbar. Nicht, weil die moderne Demokratie über ihre frühen Verwerfungen hinausgereift wäre. Sondern, weil vergleichbare Tragödien nicht stattfinden, sich frei nach Marx ergo als Farce nicht wiederholen. Die revolutionären Träume von der Befreiung sind im Zuge ihres Scheiterns auf die demokratische Zähmung des Kapitalismus regrediert. Oliver Nachtwey schreibt über Politik und Gesellschaft einer Zeit, in der sogar die Ablösung der Utopie der Zukunft durch den Mythos des Goldenen Zeitalters bereits vergessen wurde.

Die Abstiegsgesellschaft. Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne ist eine kompakte Studie, die zentrale Thesen aktueller Soziologie und Politikwissenschaft versammelt. Nahezu klassische Themen wie der Aufstieg des Neoliberalismus, die postdemokratische Wende und die Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse, Ursachen der Finanzkrise, die Krisenproteste und das Erstarken rechtsextremer Bewegungen sind in diesem Buch vereint. Wer wissen will, welche Debatten in sozialdemokratischer Tradition heute geführt werden, wird hier vielseitig fündig. Eingängig werden die jüngeren sozio-ökonomischen Veränderungen dargestellt.

Die Hochzeit des Sozialstaats war eine Gesellschaft im »Fahrstuhleffekt« (Ulrich Beck), also das gemeinsame nach oben “Fahren” der unterschiedlichen Klassen. Es verschwand zwar trotz allgemeiner Wohlstandsentwicklung die ökonomische Differenz zwischen Arm und Reich nicht. Aber durch allgemeinen Zuwachs an Konsummöglichkeiten hörte sie auf, konstitutiv für das politische Bewusstsein  der unteren Schichten zu sein. Von so einer allgemeinen Wohlstandsentwicklung kann heute keine Rede mehr sein. Wie Nachtwey zeigt, geht die Schere zwischen Arm und Reich wieder auseinander. Die Reallöhne sind (in Deutschland) seit den 70ern von der Zunahme der Produktivitätssteigerung entkoppelt. Seit den 90er Jahren sinken sie sogar. Die heutige Gesellschaft ähnelt dann eher einer Rolltreppe: Ein relevanter Teil der Bevölkerung fährt nach unten, oder wuchtet sich gegen die Fahrtrichtung, um mit großer Anstrengung auf selber Höhe zu bleiben. Diese Metapher prägt die Stoßrichtung, von der aus Nachtwey das Aufbegehren in der regressiven Moderne betrachtet, wie es etwa durch Occupy Wallstreet verkörpert wurde.

Nicht nur hier hat Nachtwey ein gutes Bild gefunden. Insgesamt ist das Buch dort am stärksten, wo die Bilder seiner eigenen Forschungspraxis entspringen. So weiß der Autor von einer Werkshalle der Automobilbranche zu berichten, die durch eine blaue Linie getrennt wird. Auf der einen Seite arbeiten die tarifvertraglich Beschäftigten, auf der anderen Seite die Werkvertragsbeschäftigten. Festangestellte und Leiharbeiter*innen gehören nicht nur verschiedenen Einkommensgruppen an, sie bearbeiten zwei verschiedene Produktionswelten. Doch wichtig ist, man sieht sich: “Der Leiharbeiter ist gleichzeitig drinnen im Betrieb, steht aber auch mit einem Bein draußen in der Arbeitslosigkeit, und so erinnert allein seine Anwesenheit die unbefristeten Stammkräfte daran, dass auch für sie die Zukunft schlechter aussehen könnte” (146).

Und doch bleibt das Buch enttäuschend. Dabei geht es mir nicht um kategoriale Schwächen oder alte akademische Vorurteile, wie die von Nachtwey dem Marxismus unterstellte Neigung, von der Klassenlage auf ein objektives Bewusstsein der Klasse zu schließen. Aber da hier beispielhaft die politische Qualität der früheren Theorie der Arbeiter*innenbewegung ausgeblendet wird, deuten diese Stellen doch auf die große Lücke hin, die diese informationsreiche Arbeit zu einem erkenntnisarmen Text werden lässt. Den marxistischen Theorien zufolge benötigte es eine gehörige Portion politische Konstruktion von Identität, und galt es eine Reihe von Organisationsfragen zu beantworten, um ökonomische Klassenlage in politisches Bewusstsein zu transformieren. Wie lässt sich heute eine politische Soziologie der Abstiegsgesellschaft schreiben, gar eine, die sich das Aufbegehren zum Gegenstand wählen will, ohne die Herstellung oder Schließung ihrer politischen Möglichkeitsräume auszuloten?

Sicher, “die Kanäle der Interessensartikulation sind in der Postdemokratie durch den Konsens der Sachzwänge verstopft” (188). Das ist nur erstens nicht neu, und zweitens bleibt die Frage: Weshalb? So hat die Ideologie des Sachzwangs in diesem Buch eine methodische Entsprechung: Die Theorie gerät objektivistisch, weil nicht der Abwesenheit von linker Politik nachgespürt wird, sondern diese nur festgestellt wird. Das das So sein der Welt die Folge einer Unterlassung ihrer Veränderung und nicht gesetzmäßig ist, weiß Nachtwey, und dennoch liest sich das Buch anders. “Bisher entstehen prekäre oder proletarische Lagen, die aber keine politische Gemeinsamkeit erkennen lassen” (179). Warum? Was hält uns ab? Woran scheitert es oder findet es gar nicht statt? Die Veränderungen des politischen Bewusstseins und der sozialpsychologischen Struktur der Aufbegehrenden müssen als Resulat auf Verwaltung reduzierter  Politikverständnisse, als Folge nicht wahrgenommener Verantwortung progressiver Kräfte verständlich gemacht werden. Erkenntnisreich wäre ein Buch über die Abstiegsgesellschaft, dass das nicht vorhandene Politische so präpariert, dass es in der Ideologie derer zum Vorschein kommt, die für die Erhaltung des Ist-Zustands eintreten.

Zu schreiben bleiben Bücher, die vom Geist uneingelöster Versprechen der Menschheit und dem Wissen um ihre illusionäre Realisierung getragen versuchen, das Neue in der heutigen Zeit sichtbar zu machen.

Autor: Tobias Schweiger. Er ist ehemaliger Bundessprecher der Jungen Grünen (bis 2012) und studiert Politikwissenschaften in  Bremen.

Das Buch: Oliver Nachtwey: „Die Abstiegsgesellschaft“. Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne. Suhrkamp Verlag, Berlin 2016. 264 S.